Desaster in der Oper

Eine solche Hochschaubahn der Gefühle hat das Publikum der Wiener Oper schon lange nicht erlebt.

"Die Walküre" von Richard Wagner

Premiere am 2. Dezember 2007 in der Wiener Staatsoper

Der 1. Akt dieser "Walküre" zeigt ein nobles, ästhetisches Bühnenbild. Wenn Siegmund die Bühne betritt, soll man nicht lamentieren wegen Johan Bothas schwerfälligen Gehabens, seiner etwa 200 kg Körpergewicht, die alle Illusionen eines strahlenden Siegmunds rauben. Man soll seinen Ärger zurückhalten, denn bald wird Botha sämtliche destruktiven Gedanken wegen dieser optischen Zumutung seiner Besetzung mit Strafe honorieren. Wenn er mit seinem Tenor loslegt und sich sein Wälse sicher und fest erhebt in fast unendlich lange währender Zeit, wenn er sein Nothung ruft und dies alles so geschieht, als ob hier das erste Mal ein Siegmund steht, wie man ihn nie und nimmer zuvor hörte, dann schämt man sich seiner zuvor auf das Äußere gelenkten Ansprüche. Man muss alles verzeihen, denn seine Stimme ist ganz einfach als perfekt zu bezeichnen. Da sitzt jeder Ton goldrichtig, da gibt es keinerlei Schwierigkeit, er ist der Pavarotti des Heldenfaches.

Hunding wird von Ain Anger verkörpert, der dieser Rolle einen neuen Aspekt verleiht. Er ist ein maskuliner, interessanter Mann, bei dem man nicht recht verstehen will, warum Sieglinde ihm ihren Bruder Siegmund vorzieht. Nina Stemme als Sieglinde lässt einen herrlich, sich weit öffnenden Sopran erklingen, der in der Höhe sogar an Ausdruckskraft und Volumen gewinnt. Sie ist zudem eine schlanke, rein äußerlich fast ideale Besetzung.

Sobald sich der Vorhang nach dem 1. Akt senkt, gibt es orkanartige Beifallsstürme, das Publikum rast vor Begeisterung.

Doch das Drama beginnt mit dem der 2. Akt. Schon bald merkt man, dass mit diesem Wotan eines Juha Uusitalo etwas nicht stimmen kann. Er wird immer leiser und leiser, bis er völlig die Stimme verliert. Mein Verdacht bleibt bestehen, dass er auch in bester Form nur ein mittelmäßiger Wotan wäre. Oskar Hillebrand singt im Straßenanzug den Wotan während des 3. Aktes ziemlich passabel, während Uusitalo die Bewegungen dazu macht, was bei dieser Regie sowieso zu vernachlässigen gewesen wäre.

Eva Johansson ist zwar darstellerisch und aussehensmäßig eine ideale Brünnhilde, doch ihr Sopran ist wackelig und scharf in der Höhe und damit bleibt sie einem Wiener Publikum vieles schuldig.

Fricka allerdings, in welcher Partie sich Michaela Schuster keine Blöße gibt, versöhnt wieder nach der Enttäuschung über Wotan und Brünnhilde.

Franz Welser-Möst dirigiert umsichtig, lässt aber die Spannung vermissen, die dieses Werk in sich trägt. Die Blechbläser, vor allem Trompeten, hatten ihren schwarzen Tag. So viele Kickser an einem Premierenabend ist eine Blamage enormen Ausmaßes. Von Peter Schmidl, Erste Klarinette, hingegen war höchster Wohlklang zu vernehmen, ebenso von Martin Gabriel, Erste Oboe.

Die Bühnenbilder sämtlicher drei Akte sind durchwegs zu akzeptieren, ebenso die Kostüme. Doch von einem Schauspieler-Regisseur wie Eric Sven Bechtolf hätte man sich in der Personenführung mehr erwartet. So wenig an Einfällen zu bringen, die Protagonisten so sehr sich selbst zu überlassen, dass sie vielfach ohne ersichtlichen Grund nur herumhetzen, so wenig Einfühlsamkeit für die Situation und damit so wenig an Psychologie aus diesem Werk herauszuholen - das ist auch schon Kunst.

An diesem Abend wechselten die Emotionen von allzu hoch und allzu tief. Gerade deshalb vielleicht wird man die Aufführung wohl nicht so schnell vergessen.

3. Dezember 2007
Eleonore Moser