Am Pult der nächste Operndirektor?

"Tristan und Isolde"

Vorstellung am 11. Februar 2006 in der Wiener Staatsoper

Mit Franz Welser-Möst am Pult drängte sich die Frage auf, ob an diesem Abend der nächste Operndirektor zu sehen war ? Als Welser-Möst zu Beginn den Orchestergraben betrat, applaudierte das Publikum höflich abwartend, nach der ersten Pause nahm die Zustimmung deutlich hörbar zu. Nach der zweiten Pause gab es bei seinem Betreten frenetischen Applaus. Am Ende, als er vor den Vorhang kam, konnte man sich denken: Das wird wahrscheinlich der nächste Operndirektor. Das Publikum jubelte ihm enthusiastisch zu und zeigte, dass es ihn haben will.

Als Isolde vollbrachte Deborah Polaski erneut eine reife Leistung, denn ihre Mittellage klingt warm timbriert. Die Höhe ist solange ohne Schwierigkeit gegeben, als es sich um keine Spitzentöne handelt. Dann allerdings fehlt das Metall und der Glanz. Doch ihre schauspielerische Leistung, ihre weibliche Ausstrahlung und ihr Durchhaltevermögen sind bemerkenswert.

Ben Heppner debütierte als Tristan. Zuerst erschrak man über die Fahlheit der Stimme, bis man sich im Laufe des Abends daran gewöhnte und er sich auch steigern konnte. Darstellerisch bemühte er sich, Handlung ins Geschehen zu bringen, doch bei dieser nicht vorhandenen Personenregie erschien es für ihn mühsam. Er ist kein idealer Tristan, aber vermutlich müsste der erst geboren werden. Man muss großzügig in der Beurteilung sein, denn immerhin macht ein Tenor wie Heppner, der deutlich über sein Limit in dieser Partie hinaus geht, erst eine Aufführungsserie möglich.

Da gab es noch die frische, unverbrauchte Stimme der Michelle Breedt zu hören, die eine Freude in Darstellung und Gesang darstellt. Als weiterer Pluspunkt ist der herrliche Boaz Daniel zu melden. Sein glanzvoller Bariton und sein engagiertes Spiel geben dem Kurwenal ein unverwechselbares Profil.

Das Orchester blühte unter Welser-Möst richtig auf, wenngleich als Schwachpunkt Clemens Horak als erster Oboist zu bemerken war. Gleich im Vorspiel unterlief ihm ein Schnitzer, später nochmals, wenngleich nicht mehr ganz so eklatant. Wolfgang Schulz, erste Flöte, spielte herrlich, ganz hervorragend waren Ernst Ottensamer als erster Klarinettist und vor allem Andreas Wieser, Bassklarinette. Die Hörner bliesen fehlerfrei an diesem Abend, die Violinen geigten unter der Führung von erstem und zweiten Konzertmeister Rainer Küchl bzw. Volkhard Steude melancholisch auf, doch auch Tobias Lea, Viola, spielte seine Soli eindringlich.

Insgesamt war es also vom Orchester her ein ganz besonderer Abend, der wohl vor allem dem Dirigenten anzurechnen war. Welser-Möst zeigte sich sichtbar erfreut über das ihm wohlgesinnte Publikum. Die Einigkeit scheint vorprogrammiert - er soll der nächste Operndirektor sein!

Eleonore Moser
12. Februar 2006