Fette Tenöre

Es geht allseits die Mär herum, dass es heutzutage für Opernsänger und –sängerinnen besonders schwer ist, auf der Bühne zu bestehen, weil auch das Aussehen des jeweiligen Sängers eine große Rolle spielt.

Abgesehen davon, dass die Silhouette eines Künstlers immer schon ein prägender Teil seiner Bühnenpräsenz war, scheinen sich gerade jetzt vorwiegend die Herren Tenöre untereinander verschworen zu haben, es dem Publikum so richtig zu zeigen, wer bezüglich geltenden Schönheitsideals das Sagen hat. Eingeläutet hat diese Phase eindeutig Luciano Pavarotti, der wohl über die Tenorstimme der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfügte. Sein vorerst schönes, schlankes  Aussehen war ihm unwichtig genug, es außen vor zu lassen und sich dem Genusse des Essens vollends hinzugeben. Ihm verzieh der große Teil des Publikums seine anatomischen Auswüchse, da er in den wenigen Pausen des Essens die am meisten vollendete Tenorstimme zum Klang brachte.

Von wenigen anderen Tenören abgesehen, war Pavarotti ein Einzelfall. Denn der überwiegende Teil der Tenöre war schlank und rank. Dazu gehörten Franco Corelli, Mario del Monaco, Giacomo Aragall, Alfredo Kraus, Jess Thomas, Jon Vickers, James King, Peter Hoffmann, José Carreras, Luis Lima, Francisco Araiza, José Cura (zu Anfang), Siegfried Jerusalem. Diese Herren sind Beweis dafür, dass als Voraussetzung für eine gute Stimme keinesfalls körperliches Übergewicht zur Resonanzbildung vonnöten ist.  Mit kleinem Ansatz eines Bäuchleins, das man ja noch gelten lassen kann, waren Wolfgang Windgassen, Giuseppe di Stefano, René Kollo ausgestattet. Placido Domingo brachte Babyspeck mit auf die Bühne, später begnügte er sich offenbar mit etwas weniger Essen, worauf auch an ihm ein paar Kilos purzelten, was seinem Aussehen gut tat.

Der Tenor, welcher heutzutage sämtliche Sympathien des Publikums absahnt, ist Jonas Kaufmann, denn er ist schlank und schön - damit unique. Sein früherer Konkurrent, Rolando Villazon, hat längst seine Stimme verloren und schied als ernstzunehmender Tenor aus dem Opernbetrieb. Piotr Beczala, Roberto Alagna bemühen sich redlich, ansehnlich zu bleiben, Juan Diego Florez gilt als Liebling des Publikums, weil schlank und schön, ist aber nur in einem eingeschränkten Fach zu hören. Die anderen, also die überwiegende Mehrheit der Tenöre, scheinen eine Phalanx gegen die Schlankheit und damit gegen die Schönheit zu bilden: Dem mittlerweile verblichenen Johan Botha, der von dem Ehrgeiz besessen zu sein schien, Luciano Pavarotti an leiblichem Umfang zu übertrumpfen, stehen Fabio Sartori, Marcelo Alvarez, Marcello Giordani, Joseph Calleja, Aleksandrs Antonenko, Marco Berti, Peter Seiffert, Christian Elsner, Stephen Gould kaum nach. Auch bei „Jungtenor“ Francois Barras tummeln sich schon zu viele Speckrollen um den Bauch. Mit anderen Worten: Es gab noch nie zuvor so viele fette Tenöre wie heutzutage!

Es wäre angebracht, dass Opernintendanten vor allem den Herren Tenören ans Herz legten: Die Oper ist ein Gesamtkunstwerk und damit kommt es auch auf das Äußere eines Sängers an, die Schönheit der Musik glaubhaft zu vermitteln. Was nützen die immens teuren Neuinszenierungen, wenn ein kugelrunder „Held“ und „Liebhaber“ auf der Bühne steht, bei dem man Mühe hat, das Lachen zu verbeißen? Man muss doch die Jugend ansprechen und die ist mit der körperlichen Masse eines Sängers nicht zu begeistern.