Ein Abend der Superlative

"Anna Bolena" von Gaetano Donizetti

Premiere am 2. April 2011 in der Wiener Staatsoper

Wann gab es zuletzt eine Sopranistin, die einfach alle Ideale einer Diva erfüllt? Vielleicht war es Maria Callas, aber sie wurde bei uns selten auf der Bühne gesehen. Seit ich zurückdenken kann und in die Oper gehe, habe ich ein solches Ereignis einer Sängerin wie Anna Netrebko nicht wahrgenommen.

Mit welcher emotionalen Tiefe sie singt. In jedem Augenblick des Geschehens ist sie glaubhaft und rührt zu Tränen, obwohl die Musik von Donizetti von artifizieller, also keiner romantischen oder Verismo Art ist. Anna Netrebko ist vom Scheitel bis zur Zehenspitze eine wahre Königin. Sie erreicht jeden Spitzenton mühelos, hat aber gleichzeitig eine runde, voluminöse Mittellage und Tiefe, worin sie an Maria Callas erinnert. Anna Netrebko ist die Nachfolgerin der Callas, denn nur Netrebko gelingt es, so sehr zu berühren wie seinerzeit Callas.

Dazu diese unvergleichliche Schönheit ihres Äußeren, die jeden weiblichen Hollywood-Star überflügelt.

Elina Garanca hat es nicht ganz leicht, neben Netrebko zu bestehen. Garancas Mezzosopran ist makellos und unvergleichlich, auch ihre Schönheit ist von ausgeprägtem Maße. Doch die Rolle erfordert auch Kühle im Ausdruck, worin Garanca keine Schwierigkeit besitzt. Die beiden Stimmen im Duett zu vernehmen, ist Luxus der allerhöchsten Güte.

Als dritte herausragende Sängerin des Abends beweist Elisabeth Kulman als Page Smeton, dass sie für höhere Weihen gerüstet ist. Auch ihr Mezzosopran zeigt erste Qualität und verspricht für die Zukunft doch einiges.

Da haben es die Männer etwas schwer. Ildebrando D'Arcangelo als König Heinrich VIII. ist ein guter Darsteller und kommt mit seinem wohlklingenden Bariton einigermaßen gut über die Runden. Francesco Meli als Lord Riccardo Percy hat den Part des Spinto-Tenors zu erfüllen, was eine undankbare Sache ist. Er müht sich redlich und lässt bei manchem hohen Ton etwas Unsicherheit erkennen. Doch mag man ihm das nachsehen.

Evelino Pido dirigiert einfühlsam und flott. Da kommt in keinem Moment ein zu schnelles oder gedehntes Tempo und er zeigt sich demnach als fabelhafter Donizetti-Dirigent. Leider gibt es im Orchester doch einige Patzer bei den Hörnern, während der Erste Klarinettist Matthias Schorn erneut die spezielle Gediegenheit seines Spiels unter Beweis stellt.

Die Inszenierung von Eric Génovese ist durch das Bühnenbild (Jacques Gabel) wohltuend logisch und ästhetisch ansprechend. Die prachtvollen Kostüme von Luisa Spinatelli lassen die beiden Sängerinnen als Kontrahentinnen in bester Weise zur Geltung kommen.

Das Publikum bejubelt die Sänger und den Dirigenten. Vereinzelte, mir unverständlich erscheinende Buhrufe für den Regisseur wurden durch massive Bravorufe unterdrückt.

Ein Abend der besonderen Klasse.

3. April 2011
Eleonore Moser